TANGO-Kompex       

  

  

Es wäre fatal, ein Buch für Turniertanzprofis zu schreiben, zum einen wäre der Leserkreis bedenklich klein und als Kenner der Szene weiß ich, dass die wenigsten vor lauter Training zum Lesen kommen. Bedeutend größer wird die Zielgruppe, wenn das vorliegende Buch Menschen anspricht, die Freude am Tanzen haben. Menschen aus Tanzschulen, Tanzkreisen, abendlichen Tanzkursen, Tanzclubs, Workshops und solchen, die nur bei Festen und Bällen das Tanzbein schwingen. 

Deutschland ist nicht unbedingt das Land der Tänzer. Das ist gar nicht wertend gemeint, es sind nüchterne Fakten. In einem hochtechnisierten Industrieland ist die Zeit für den Tanz als Ausdrucksform von Emotionen scheinbar wegrationalisiert worden. Gut – einverstanden, die Jugend tanzt jedes Wochenende, es gibt eine Unzahl an Hip-Hop-Gruppen, Zigtausende stampfen im monotonen Rhythmus der Technoklänge mal mehr mal weniger angeturnt durch kleine bunte Pillen nichts ausdrückend vor sich hin. Aber das hat in meinen Augen mit Tanz ebenso viel zu tun, wie wenn sich jemand mit dem nackten Hintern auf eine Klaviatur setzt und meint, der so erzeugte Klang wäre Musik.

 Dabei will ich gar nicht verleugnen, dass meine Eltern unserem Gezappel auf „I can‘t get no satisfaction“ auch nichts abgewinnen konnten. Aber es geht eine Veränderung durch die Welt des Tanzes und eine Bewegung, die bereits um 1850 begann, kann man schwerlich als kurze Modeerscheinung abtun. In die kalten Länder – und dazu zählt aus argentinischer Sicht Deutschland eben auch – kommen die exotischen Dinge immer etwas später und bis der Eintänzer von Knippgierscheid etwas von einem Paartanz, wie dem Tango hört, das kann dauern. 

Aber ein Blick in die Metropolen lässt ahnen, dass die Bewegung, die am Rio de la Plata begonnen hat, ihren Weg macht und immer mehr Menschen in ihren sympathischen Bann zieht. Weder die rasende Tarantella oder der akrobatische Kasatschok, schon gar kein stampfender Booredanz oder gar der blitzschnelle Quickstepp lösen in uns das aus, was der Tango mit Leichtigkeit in uns hervorruft. Was läuft da also ab beim Tango? Wenn es einen einmal gepackt hat, möchte man nicht mehr vom Tango lassen. 

Viele Fragen sind da aufgetaucht und denen wollte ich auf den Grund gehen, dass Ergebnis habe ich in diesem Buch aufgeschrieben. Das Mysterium ist geblieben, aber es ist transparenter geworden, klar wird es erst, wenn Sie ihre eigenen Erfahrungen machen. Auf diesem Weg will ich Sie mit dem Wissen dieses Buches ein wenig begleiten. Nach vielen Recherchen und etlichen Unterhaltungen, Gesprächen mit Tangomeistern, Tangolehrern, Tänzern, Tangomusikern und Schülern kann ich bestätigen, dass der Tango die unterschiedlichsten Menschen anspricht. 

Was mich dabei überrascht hat ist, dass ich mit Menschen in Kontakt kam, die so eigentlich noch nie etwas mit Tanzen zu tun hatten und sich vom Start weg ausschließlich mit dem Tango auseinander setzten, Menschen, die im Tango ihre musikalische und tänzerische Heimat fanden und es gar nicht auf Rumba, Slowfox oder Jive ausdehnen wollten. Tanzen ist für diese Menschen das Synonym für Tango – tanzen… und das nicht nur in Buenos Aires, der Tango zieht seine Kreise und findet seine Freunde mittlerweile weltweit. Wie sagte Carlos Gavito so schön in einem Interview: „Ich hatte keine Tanzlehrer, ich hatte Tangolehrer.“ Das komplette Interview können Sie in einem eigenen Kapitel dieses Buches lesen und damit einem Altmeister des Tango etwas näher kommen. 

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Kleine Eigenwerbung: